Beslan (Russland). Der 1. September ist ganz Russland Schulbeginn für neue Schüler. Auch in der nordossetischen Stadt Beslan haben sich 2004 mehr als 1.500 Kinder, Eltern und Lehrer an der Mittelschule Nr. 1 zusammengefunden um diesen Tag zu feiern. Das Fest endet in einer Tragödie als Terroristen die Schule stürmen und über 1.000 Geiseln in ihre Gewalt bringen. Drei Tage lang dauert die Geiselnahme die am Ende fast 400 Menschen, darunter viele Kinder, das Leben kostet.

Beslan heute. Eine goldene Metallkonstruktion umschließt die Turnhalle in der ein Teil der Geiseln unter unmenschlichen Bedingungen gefangen gehalten wurden. Zwölf Jahre später sind in den Wänden noch die Einschusslöcher zu sehen, verkohlte Sprossenwände und rußgeschwärzte Mauern lassen nur bruchstückhaft erahnen, was für Dramen sich hier abgespielt haben müssen. Die wenigen verbliebenen Balken des eingestürzten Dachstuhls werfen anklagende Schatten auf den Holzboden und unwillkürlich versuche ich leise aufzutreten. An den Wänden hängen Fotos der Opfer, Blumen und Gestecke sind im ganzen Raum verteilt. Fast jeder freie Platz auf den Fenstersimsen in der gerade 10 x 25 Meter messenden Halle ist mit Kuscheltieren, Spielzeug und Wasserflaschen übersät. Für die Wasserflaschen habe ich keine Erklärung, aber ich vermute, dass es eine letzte, hilflose Geste der Hinterbliebenen ist, da die Geiseln während ihres Martyriums weder Wasser noch Essen erhielten.

Ich bin kein spiritueller Mensch, aber die Präsenz dieses Raumes löst bei mir eine sofortige körperliche Reaktion aus. Es ist wie ein unvorbereiteter Schlag in den Magen und ich muss mit mir kämpfen um ruhig zu bleiben. Beslan, Paris, Brüssel… all diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind immer so fern wenn man sie nur durch die Medien und das Internet serviert bekommt. Wann verstehen wir (unabhängig von Religion und Hautfarbe) endlich, dass es für Terrorismus, egal aus welchen Gründen, keine Rechtfertigung gibt und nichts, aber auch gar nichts, den Tod von unschuldigen Menschen, vor allem von Kindern, entschuldigt?

Ich fahre weiter und lasse die leeren Fensterhöhlen der Mittelschule Nr. 1 hinter mir zurück. Tanken, Route und Übernachtungsmöglichkeit finden – Reiseroutine. Das Schicksal der Kinder von Beslan begleitet mich jedoch noch lange.

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