Wir schreiben das Jahr 1995. Christo verhüllt den Berliner Reichstag, die Cranberries veröffentlichen mit „Zombie“ eine der Hymnen des Jahrzehnts und der zweite Teil von „Stirb Langsam“ sorgt für volle Kinos. Im Motorradsport läuft es dagegen nicht ganz so rund. Insbesondere der Endurobereich fristet ein Nischendasein, dem allenthalben in Kiesgruben oder auf abgeernteten Äckern gefrönt wird. Ein Zustand, den man bei der österreichischen Motorradzeitschrift „Der Reitwagen“ ändern möchte. Auf vier Seiten wird daher die „Erzberg-Fahrt“ ausgelobt: Zwei Tage Enduro fahren in der Steiermark und das inmitten der mächtigen Kulisse des größten Eisenerztagebaus Zentraleuropas.

Obwohl die Erstauflage alles andere als rund lief und mit 120 Startern nicht sonderlich stark besucht war, konnte sich das Erzbergrodeo in den Folgejahren etablieren. Die Teilnehmer- und Zuschauerzahlen stiegen stetig – und das in einer Zeit, in der es statt Internet und Social Media nur Mundpropaganda und Stammtischgeflüster gab. Ein großer Anteil an der Legendenbildung als brutaler und kaum machbarer Wettbewerb hatte die gnadenlose Streckenführung. Sie war von Anfang an darauf ausgelegt, die Teilnehmer möglichst schnell an ihre Grenzen zu bringen und zementierte so das Fundament als Extrem-Enduroveranstaltung. Die Finisher-Zahlen unterstreichen diesen Anspruch: Von den 500 Startern im Hauptrennen schafft es normalerweise weniger als ein Fünftel überhaupt ins Ziel.

Erzbergrodeo 2026

Was fasziniert die Teilnehmer seit drei Jahrzehnten an der damit verbundenen Schinderei und der ewigen Erzbergrodeo-Dauerschleife „Fahren, fallen, fluchen. Wiederholen.“? Finanzielle Gründe sind es sicher nicht, da weder Antritts- noch Preisgelder ausgeschüttet werden. Es dürfte die Mischung aus außergewöhnlichem Flair, Veranstaltungsprestige und sportlicher Herausforderung sein, die immer wieder die Starterliste füllt. Dabei sein ist eben alles. Das Erzbergrodeo gar abzuschließen, egal auf welchem Platz, zählt in der Szene zudem wie Ritterschlag und Heiligsprechung zugleich. Vor den hohen Weihen, die so ein Erfolg verheißt, gilt es aber zunächst im Prolog um einen der Finalplätze zu kämpfen. Entlang der Abbaustufen ist dafür eine 15 Kilometer lange Schotterstrecke auf Zeit zu absolvieren. Wie schnell man so etwas schaffen kann, zeigte in diesem Jahr KTM-Werkfahrer Andrea Verona. Der Italiener brauchte 10 Minuten und 26 Sekunden und legte damit die Latte für die insgesamt 1.100 Prologstarter weit nach oben. Wesentlich entspannter wird es im Finale für die fünfhundert Schnellsten jedoch nicht. Eine rund 32 Kilometer lange Strecke führt die Teilnehmer über 27 Checkpoints kreuz und quer durch das Tagebauareal und geizt nicht mit Herausforderungen. Extrem steile Auf- und Abfahrten, knifflige Passagen über Felsbrocken, wurzelverseuchte und glitschige Waldpfade: Die Streckenbauer lassen sich jedes Jahr neue Gemeinheiten einfallen.

Den Nischencharakter hat das Erzbergrodeo spätestens mit dem Einstieg eines Energydrinks als Sponsor hinter sich gelassen und findet weltweit Beachtung. Sage und Schreibe 57.000 Besuche versammelten sich in diesem Jahr vor Ort, Millionen fieberten über das Internet mit. Ein Erfolg, den Veranstalter und Mastermind Karl Katoch auch im dreißigsten Jahr noch zum Stauen bringt: „Ich werde oft gefragt, ob ich mir nach dem ersten Rennen am Erzberg eine 30 Jahre dauernde Erfolgsgeschichte vorstellen konnte. Ich sag’s ganz ehrlich, wir wussten damals nicht einmal, ob wir im nächsten Jahr wiederkommen dürfen!“. Er durfte. Mit ihm kamen über die Jahre hinweg insgesamt mehr als 35.000 Teilnehmer und 1 Millionen Motorsport-Fans als Besucher direkt vor Ort.

Erzbergrodeo 2026

In diesem Jahr gab es in sportlicher Hinsicht keine großen Überraschungen. Manuel Lettenbichler (DE, KTM) räumte bei der Jubiläumsauflage zum fünften Mal in Folge den ersten Platz ab. Als Zweitplatzierter erreichte Trystan Hart (CAN, KTM) vor Mario Roman Serrano (ES, MR74) das Ziel. Insgesamt bewältigten 15 Starter von ursprünglich 500 Finalisten die extrem fordernde Strecke durch das aktive Bergbaugebiet. Eine Überraschung gab es im Ziel aber trotzdem noch. Mit Eddie Karlsson (SWE), Toby Martyn (UK) und Graham Jarvis (UK) erreichten erstmals drei Elektromotorräder das Ziel. Das der Erfolg der Stromer alles andere als eine Ausnahme ist, zeigten auch die Ergebnisse im Sideevent „Rocketride“. In dem Steilwandrennen am ersten Veranstaltungstag gingen alle Podiumsplätze an die antrittsstarken Volt-Büchsen.