Nukus (Usbekistan). Die letzten 80 Kilometer in Kasachstan haben es noch einmal in sich. Aus der Fahrbahn, die in grauer Vorzeit aus Beton gegossen wurde, ragen die Armierungseisen hervor. Schnell fahre ich wie die Kasachen lieber daneben um mir einen durchlöcherten Reifen zu ersparen. Der offizielle Teil der „Straße“ hört kurz nach Beineu (Beyneu) auf und geht in eine festgefahrene Lehmpiste über. Ich beglückwünsche mich im Nachhinein zu der Entscheidung den Regentag ausgesessen zu haben, spätestens hier wäre ein Vorwärtskommen wesentlich schwieriger geworden.

An der Grenze zu Usbekistan endet die Eurasische Wirtschaftsunion und ich gebe widerwillig mein an der georgisch-russischen Grenze ausgefülltes Zollformular ab. Meine Alukoffer werden kurz kontrolliert und schon stehe ich zwischen den Zäunen im Niemandsland der beiden Länder. Ich bin recht weit hinten in der Schlange und richte mich schon auf eine lange Wartezeit ein, als einer meiner Leidensgenossen mich nach vorne winkt und mir mit Händen und Füßen klar macht, dass ich vor kann. Leider komme ich mit den Koffern nicht zwischen den eng stehenden LKW und Autos durch und überlege daher schon, wo ich meinen E-Book Reader verstaut habe. Der Kollege gibt allerdings nicht auf und schafft es die usbekischen Grenzer davon zu überzeugen, mir das Gatter der freien Ausreisespur aufzumachen.

Der usbekische Einreisestempel ist schnell im Pass, die Zollformalitäten kosten mich diesmal aber mehr als zwei Stunden. Formulare ausfüllen, Kopien machen – der Amtsschimmel wiehert wirklich laut in Usbekistan. Ich darf sämtliches Gepäck aufmachen, alles wird begutachtet und zu guter Letzt werde ich noch abgetastet. Da ich aber weder Schußwaffen noch Pornos im Angebot habe, ist alles gut und ich bin mit den zwei Stunden auch ziemlich gut in der Zeit. In den entsprechenden Reiseforen kursieren Geschichten über wesentlich längere und intensivere Kontrollen.

Nach der Grenze kommt erstmal für fast 300 Kilometer nichts, von allem keine Tankstelle. Ich komme leicht ins Schwitzen, als ich den letzten Liter Benzin aus meinem Kocher in den knochentrockenen Tank kippe. Aber es gibt eine Punktlandung, 100 Meter vor einer Gaststätte in Kungrad (Koordinaten: 42°59’57,9″N 058°50’40,2″E) wandelt sich der letzte Benzinnebel im Vergaser in Bewegungsenergie um und ich rolle im Leerlauf bis zu dem Gebäude. Ich kann Schwarzmarkt-Benzin, stilecht aus Plastikflaschen, organisieren, was hier teilweise die einzige Möglichkeit ist um an die Fortbewegungsbrause zu kommen.

Wieder voll aufgetankt mache ich einen Abstecher zu einer der größten ökologischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, dem Aralsee. Um die riesigen Baumwollfelder der Sowjet-Ära zu bewässern, wurde den Zuflüssen des Aralsees große Mengen Wasser entnommen. Dies führte seit den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu einer starken Verlandung, mehr als 90% des Wasservolumens und knapp 50% der Fläche sind seither verschwunden. Die ehemalige Hafenstadt Mo’ynoq liegt nun 80 Kilometer vom Seeufer entfernt und nur noch die rostenden Überreste der Fischereiflotte erinnern an die wasserreiche Vergangenheit.