Astrachan (Russland). Georgien verabschiedet mich mit einem unverhüllten Blick auf den 5.047 Meter hohen Kazbek, in der griechischen Mythologie der Berg an den Prometheus zur Strafe gekettet wurde, weil er den Menschen das Feuer gebracht hat. Die Ausreise aus Georgien gestaltet sich genauso problemlos wie die Einreise nach Russland, beide Seiten kosten mich insgesamt nur ca. zwei Stunden. Manche meiner russischen Kollegen hatten mir ja schon eine glänzende Karriere in einem russischen Gulag oder Probleme bei der Einreise nach Russland prophezeit. Das Gegenteil ist der Fall. An der Grenze wird professionell gearbeitet und für das Ausfüllen der Zolldeklaration bekomme ich sogar einen eigenen Beamten, der mir zeigt wo ich meine Kreuze setzen und was ich wo eintragen muss. Ich hoffe zumindest mal, dass es eine Zollerklärung war und ich nicht einen langfristig bindenden Gazprom-Vertrag für Deutschland unterschrieben habe.

Die Reise durch die Krisengebiete im Kaukasus verläuft ereignislos, wenn man mal von den zahlreichen Kontrollen absieht, in deren Genuss auch ich komme. Aber meine „Dokumenti“ scheinen immer in Ordnung zu sein und so erreiche ich über Beslan das buddhistisch geprägte Elista. Mit meinem Englisch, geschweige denn Deutsch, komme ich in Russland nicht allzuweit, aber mit Händen und Füßen, bzw. im Laden mit dem Taschenrechner, erhalte ich immer was ich möchte. Eigentlich wollte ich noch etwas Russisch lernen, aber das ist irgendwie auf der Strecke geblieben. Zumindest kann ich guten Tag wünschen, mich bedanken und mein Heimatland benennen (Germaniya). Eine Verwendung für „Halt“ und „Hände hoch“ habe ich bisher nicht gefunden ;-)

Als ich von Elista aus weiter über die baum- und strauchlose Steppe nach Wolgograd (Volgograd) fahre, komme ich an einer Unfallstelle vorbei. In einer Senke ist ein LKW in die Gegenspur geraten, hat die Leitplanke durchschlagen und sich in die Böschung gebohrt. Dort wo einmal das Führerhaus war, stapeln sich jetzt die Paletten der Ladung. Auf der Regionalstraße liegt, unter einer in schrillen Farben gemusterten Tagesdecke, ein regloser Körper der wahrscheinlich aus einem der Autos stammt die im Weg des LKW waren.

Ich muss an Sergey denken, der mich an meinem ersten Tag in Russland zu einem Geldautomat gebracht hat. Als ich in seinem Mercedes gewohnheitsmäßig nach dem Sicherheitsgurt greife, sieht er mich nur leicht verwirrt an und schüttelt den Kopf. „This is Russia – Das ist Russland“. Spricht’s und brettert unangeschnallt los.

Ja, der Verkehr in Russland ist ziemlich anstrengend und erfordert eine sehr vorausschauende und defensive Fahrweise. Zu dem nicht unbedingt immer lebensbejahenden Fahrstil kommen die schlaglochverseuchten Straßen und die anderen Fahrzeuge die sich des Öfteren zwischen den Aggregatzuständen „Schrotthaufen“ und „Bedingt verkehrstauglich“ befinden. Gut, dass für den Großteil meiner Reststrecke nur noch Yaks und Pferde zum Straßenverkehr gehören.

In Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, bekomme ich eine Pritsche im Bettenlager bei den russischen Bikern vom Ferrum Bikepost (Koordinaten: 48°46’22.6″N 044°29’36.1″E – allerdings recht rustikal). Während ich mit Tee und Keksen abgefüllt werde, schaffen es die Jungs tatsächlich eine Deutschlehrerin aufzutreiben um zumindest eine grundlegende Kommunikation zu ermöglichen. Zusammen statten wir der imposanten Mutter Heimat Statue und dem dazugehörigen Park einen Besuch ab und der Tag klingt bei einigen Partien Billard gemütlich aus.

Bevor es für mich über Astrachan (Astrakhan) weiter nach Kasachstan geht, bekommt mein Seitenständer wieder eine größere Auflagefläche angeschweißt. Ich hatte schon vorher über die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der russischen Biker gelesen und kann das nur bestätigen. Danke!

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