Motorradtreffen oder Rock‘n‘Roll Festival? Customizing-Austellung oder Rennsportveranstaltung? Wer versucht, seiner unbedarften Umwelt dass Phänomen Glemseck 101 zu erklären, hat es schwer. Die Veranstalter bleiben diplomatisch und deklarieren die Riesensause vor den Toren Stuttgarts kurzerhand als Motorrad-Event, das „offen für alle Marken, Typen, Charaktere und jede Art von Motorrädern“ ist.

Fakt ist: Das Glemseck 101 ist Kult und das weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Aus ganz Europa reisen Motorrad-Verrückte an, um drei Tage und zwei Nächte lang die einzigartige Atmosphäre zu genießen und friedlich zu feiern. Egal ob antiker 2-Ventil Boxer, kreischender Rennhobel, bollernder Big Block oder quengelndes Zweitakt-Mofa – hier kommen alle zusammen. Und das in nicht gerade kleinem Ausmaß. Die Besucherzahlen kratzten in den letzten Jahren immer wieder an der 40.000er Marke.

Wer da an den Veranstaltungstagen, traditionell das erste Septemberwochenende, etwas später kommt, hat da erst einmal einen längeren Fußmarsch vor sich. Bereits kurz hinter der Autobahnausfahrt Leonberg-Ost reiht sich entlang der gesperrten L1887 Motorrad an Motorrad zum größten Ad-Hoc Parkplatz Deutschlands. Langweilig wird es trotzdem nicht, wenn man sich langsam durch das Gewühl zum Mittelpunkt des Veranstaltungsgeländes bewegt.

Die kilometerlange Händlermeile bietet alles Mögliche und Unmögliche für das geneigte Zweiradherz, mittendrin wird im Stundentakt ein gewaltiger Sternmotor angeworfen und selbst die Hab-schon-Alles-gesehen-Fraktion findet genügend Motorräder zum Staunen. Über allem liegt ein leichter Benzingeruch der sich mit dem Rauch vom Würstchengrill vermischt, während die Bands auf der Bühne gegen krachende Auspuffanlagen um die Ohrhoheit kämpfen. Vollbedienung für alle Sinne und das schon bevor man im Epizentrum am Hotel Glemseck angekommen ist.

Genau an dieser Stelle wurde das Motorradfestival 2006 aus der Taufe gehoben. An der namensgebenden Start- und Zielgeraden der legendären Solitude-Rennstrecke gelegen, feierte das Hotel Glemseck in jenem Jahr seine 100-jährige Motorsportgeschichte. Die Namensfindung war da nicht weiter kompliziert. 100 Jahre Hotel Glemseck und die 1. Veranstaltung – schon war der Name Glemseck 101 entstanden. Das bekannte Löwenkopf-Logo der Veranstaltung ergab sich durch die enge Zusammenarbeit mit der Stadt Leonberg. Deren Wappen zeigt einen Löwen und ist, in moderner Form durch den Creative Director des Festivals Steven Flier interpretiert, seit 2011 fester Bestandteil des Auftritts.

Die Rennsport-Vergangenheit findet sich ebenfalls beim beliebtesten Programmpunkt wieder – den 1/8-Meile-Sprints. 2009 duellierte sich erstmalig ein reines Café Racer Starterfeld im Schatten des ehemaligen Solitude Zeitmessturms. Das sprach sich allerdings schneller herum, als im nahegelegenen Stuttgart wieder Feinstaubalarm ausgerufen werden konnte. Immer mehr Konstrukteure und Schrauber wollten mit ihrem „heilige‘ Blechle“ an den Start. Mitmachen kann theoretisch jeder bei den Sprints, wobei durch den hohen Zulauf und das begrenzte Teilnehmerfeld die Latte in Punkto Qualität, Einzigartigkeit und Umsetzung der Maschinen sehr hoch liegt.

2013 machte der Franzose Séb Lorentz mit seiner „Lucky Cat“, keine Gefangenen in der Klasse des „Sprint International“. Seine lachgasbefeuerte 2-Ventiler-BMW, die das ein oder andere Dragster-Gen mitbrachte, ließ alle Kontrahenten im Abgas- und Burn-Out-Nebel stehen. Aus jenem denkwürdigen Auftritt entstanden die Sultans of Sprint. Die seit damals von Séb organisierte und vom Glemseck 101 unabhängige Rennserie tourt alljährlich durch Europa und ist gelebte Zweirad-Anarchie in der ausgefeiltes Customzing und heftiges Partymachen Hand in Hand gehen. Das Finale der Sultans of Sprint findet üblicherweise auf dem Glemseck 101 statt und gehört wegen der stark modifizierten Motorräder und schrill ausstaffierten Teams zu den Publikumsmagneten.

Das enorme Publikumsinteresse an der Flaggschiffveranstaltung der aktuell grassierenden Retro- und Café Racer Welle blieb in den Marketingabteilungen der großen Marken nicht unbemerkt. Die Meinungen zu deren Sponsoring-Aktivitäten sind naturgemäß sehr unterschiedlich. Während die einen Ausverkauf heulen, freuen sich die anderen über den nach wie vor freien Eintritt und die durch Sponsoren aufgestellte Tribüne an der Sprintstrecke.

Das finanzielle Engagement der Industrie kann aber durchaus für Überraschungen im Reklameeinheitsbrei sorgen. Royal Enfield präsentierte in diesem Jahr mit den Petrolettes, den Macherinnen eines reinen Frauen Motorradfestivals, den Petrolettes Wrench Off.

Jeweils einem Frauenteam aus Deutschland, Österreich, Schweden und Italien wurde ein Royal Enfield Twin 650 vor die Haustür gestellt: „Macht was draus und fahrt danach Rennen gegeneinander“. Ein erfrischend anderer Ansatz zwischen all den hochgezüchteten Werksmaschinen und Stars aus der Motorsportszene die an den Ständen der großen Hersteller aufgefahren werden. Gewonnen haben übrigens am Ende – wer will dem geflügelten Wort schon widersprechen – die Deutschen.

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